Vom Bauern, bitte!

16. Oktober 2020
Eva Schwienbacher
Franz Oss

Matthias Pöschl, Geschäftsführer der Agrarmarketing Tirol (AMT), über die wachsende Nachfrage nach bäuerlichen Produkten aus Tirol durch Covid-19, niedrige Milch- und Fleischpreise und weitere Herausforderungen in der Tiroler Landwirtschaft.

Corona rückte die Bedeutung der Selbstversorgung mit Lebensmitteln im Land in den Fokus. Wie wirkte sich die Pandemie auf den Absatz von Tiroler Bauernprodukten aus?

Matthias Pöschl: Die Pandemie hat sich positiv auf die Nachfrage von Produkten aus der Tiroler Landwirtschaft im Einzelhandel ausgewirkt. Das Bewusstsein des Kunden und die Sehnsucht nach ehrlichen Produkten sind gestiegen. Im Gastrogroßhandel, einem wichtigen Vertriebskanal unserer Produkte mit dem Gütesiegel „Qualität Tirol“, ist der Umsatz aufgrund der geschlossenen Gastrobetriebe zum großen Teil weggebrochen. Diesen Umsatzrückgang konnten wir jedoch durch die gesteigerte Nachfrage im Einzelhandel ausgleichen. Wir zählen also zu jenen, die bisher sehr gut durch die Krise gekommen sind.  

Was war und ist besonders gefragt? Wo gab es hingegen Rückgänge?

Die Rückgänge hielten sich zum Glück in Grenzen und wir konnten sie durch gezielte Maßnahmen abfedern. Besonders gefragt waren Produkte in der Selbstbedienung (SB), da die Kunden offene Theken vermeiden wollten. Da kam es uns zugute, dass wir seit zwei Jahren verstärkt auf SB setzen. Der Grund: Hier lassen sich „Qualität-Tirol“ -Produkte durch die Verpackung und Aufmachung besser vermarkten. Außerdem griffen Kunden mehr zu länger haltbaren Lebensmitteln – das Einkaufsverhalten hat sich verändert. Man ging seltener einkaufen, kaufte dafür aber mehr. In der Gastronomie hat das Thema Convenience durch die Pandemie an Bedeutung gewonnen. Darunter verstehen wir vorverarbeitete Produkte in höchster Qualität, die Arbeitsschritte in der Gastronomie ersparen, wie zum Beispiel geschälte, vorgeschnittene Erdäpfel aus Tirol, aber auch hochwertige Gerichte, wie die Topfenknödel, die wir seit kurzem auf den Markt gebracht haben. Vor zwei Jahren haben wir mit Convenience-Produkten mit Rohstoffen aus der Tiroler Landwirtschaft begonnen. Wir sehen darin großes Potenzial in der Gastronomie und im Gastrogroßhandel als Versorger der Gastronomie.

Welche Maßnahmen setzte und setzt die AMT, um Tiroler Landwirten in dieser herausfordernden Zeit zu helfen?

Wir haben ein Bündel an Maßnahmen gesetzt. Eine davon war die Unterstützung unserer Produzenten bei der Absatzsteigerung in der Direktvermarktung, ihre Bewerbung in sozialen Netzwerken sowie der Online-Verkauf. All das hat während des Lockdowns sehr gut funktioniert, da die Kunden nach Alternativlösungen gesucht haben. Innerhalb der Lebensraum Tirol Holding wurde die Plattform „Wir kaufen in Tirol“ ins Leben gerufen und auch den Landwirten zur Verfügung gestellt, damit sie ihre Produkte an den Kunden bringen konnten. Zudem leiteten wir Vertriebskanäle um – vom Groß- in den Einzelhandel - und zogen Produktentwicklungen vor. So haben wir beispielsweise lagerbare Waren als Agrarmarketing Tirol eingekauft und einlagern lassen, um sie jetzt in den Handel zu bringen. Waren, die wenig Absatz fanden, haben wir weiterverarbeitet. Jetzt setzen wir verstärkt darauf, die Bekanntheit von „Qualität Tirol“ durch gezielte Werbung, aber vor allem durch gezielte Platzierungen im Einzelhandel weiter zu steigern, um den Umsatz anzukurbeln. Auch hier können wir optimal die Synergien innerhalb der Lebensraum Tirol Holding nutzen.

Die Corona-Pandemie hat bestimmte alte Probleme verstärkt, wie den niedrigen Preis für Milch und gewisse Fleischprodukte. Was kann eine dauerhafte Lösung sein, damit Milch- und Fleischbauern fair bezahlt werden? Was kann die Agrarmarketing Tirol tun?

Wichtig ist, sich klar zu werden, dass der Kunde bewusster konsumiert. Er will wissen, woher ein Produkt kommt und wie es produziert wird. Die Lösung aus meiner Sicht ist hundertprozentige Ehrlichkeit und Transparenz. Genau das ist der Kern des Gütesiegels „Qualität Tirol“. Es ist für den Kunden inzwischen eine Orientierungshilfe am Markt, wenn es um den Griff zu bäuerlichen Produkten aus Tirol geht. Es handelt sich um Premiumprodukte, die einen entsprechenden Preis am Markt erzielen. Wenn der Kunde darauf vertrauen kann, dass es sich zu Hundertprozent um ein Tiroler Qualitätsprodukt handelt, steigt auch die Bereitschaft, mehr dafür auszugeben. In den letzten Jahren ist es uns gelungen, den Umsatz durch „Qualität-Tirol“-Produkte zu steigern, 2019 um 15 bis 20 Prozent. Er lag also bei über 13 Millionen Euro für die Produzenten. Im Einzelhandel erzielten wir damit einen Umsatz von 25 Millionen Euro. Unsere Kernaufgabe als Argrarmarketing Tirol ist es, dafür zu sorgen, dass die Wertschöpfung beim Produzenten ankommt.

Corona hat aber auch Missstände in der Fleischverarbeitungsindustrie ans Licht gebracht etwa beim deutschen Schlachtkonzern Tönnies, dessen Fleisch auch in Tirol verarbeitet wurde. Welche Lehren kann man daraus ziehen?

In Tirol haben wir in bestimmten Bereichen nur eingeschränkte Kapazitäten. Die Tiroler Landwirtschaft ist stark von Grünflächen geprägt und eignet sich daher in erster Linie für Wiederkäuer. Wir sind in den Produktgruppen Rind, Kalb, Lamm stark – die meisten unserer Qualitätsfleischprogramme sind daher in diesen Bereichen angesiedelt. Was das Schweinefleisch betrifft, so bieten wir nur ein kleines Sortiment an, da es nur begrenzten Rohstoff gibt. Will jemand aber beispielsweise in Tirol in größeren Mengen Speck produzieren, dann ist es ganz klar, dass das Schweinefleisch dafür zum größten Teil nicht aus Tirol kommt. Das ist kein Geheimnis.

Der Kunde findet im Geschäft eine Vielzahl an unterschiedlichen Gütesiegeln. Was kann er von „Qualität-Tirol“-Produkten erwarten?

Wir zertifizieren und überprüfen nicht die Betriebe, sondern die einzelnen Produkte. Das heißt, jedes Produkt, das das Gütesiegel trägt, entspricht den von uns erstellten Qualitätsrichtlinien. Diese werden intern und extern – von unabhängigen Zertifizierungsstellen – geprüft. Das Siegel steht für „gewachsen und veredelt in Tirol“, sprich, alle Rohstoffe müssen aus Tirol kommen. Daher können wir bestimmte Produkte auch gar nicht anbieten oder eben nur in kleinen Mengen, wie unser Alm- und Hofschwein. Wir sind stark im Bereich Milch und Milchprodukte, Obst und Gemüse, aber auch Rind- Kalb- und Lammfleisch.

Abschließend noch zu einem anderem Thema, dem Klimawandel. Es ist bekannt, dass er den Alpenraum besonders trifft. Welche Veränderungen bringt er schon jetzt in der Tiroler Landwirtschaft?

In den Alpen ist die Temperatur im vergangenen Jahrhundert um knapp zwei Grad Celsius gestiegen. Wir können jetzt schon damit rechnen, dass sich die Produktionsbedingungen verändern werden. Bestimmte Experten gehen davon aus, dass es zu Engpässen in der Wasserversorgung kommen wird. Ein Lösungsansatz ist hier die Präzisionslandwirtschaft, bei der es um den effizienten und gezielten Einsatz von knapper werdenden Ressourcen geht. Auch die Vegetationsperioden werden sich verändern, was sich auf die „Qualität der Produkte“ auswirken wird. Außerdem können neue Schädlinge auftreten. Hier ist die Landwirtschaft gefordert, sich innovative Konzepte zu überlegen. Das Thema effizienter und gezielter Einsatz von Ressourcen ist sicher entscheidend.

Wie unterstützt die AMT dabei ihre Partnerbetriebe in Zukunft?

Unsere Kernkompetenz liegt im Bereich Produktentwicklung. Da beraten wir die Betriebe. Wir arbeiten aber stark daran, den Tiroler Landwirten mehr Serviceleistungen zur Verfügung zu stellen unabhängig davon, ob sie „Qualität-Tirol“-Betriebe sind oder nicht. Wir wollen auch das Thema Innovation stärker in den Fokus rücken. Unser Ziel ist, skalierbare, praxisnahe Projekte mit Partnern in der Landwirtschaft zu entwickeln und umzusetzen. Diese Projekte sollen allen interessierten Landwirten zur Verfügung gestellt werden. Ein Thema ist beispielsweise die digitale Rückverfolgbarkeit von Produkten durch den Kunden am Point-of-Sale oder die Verwendung von Gemüsereststoffen zur Energiegewinnung – daran arbeiten wir aktuell gemeinsam mit Partnern.

Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person:

Matthias Pöschl ist seit Juni 2018 Geschäftsführer der Agrarmarketing Tirol. Davor war er sechs Jahre Bezirksstellenleiter Innsbruck und Innsbruck Land in der Wirtschaftskammer Tirol.

AMT

Die Agrarmarketing Tirol (AMT) wurde infolge des EU-Beitritt Österreichs im Jahr 1995 von Land Tirol, Landwirtschafts-, Wirtschaftskammer sowie Tirol Werbung zur Stärkung der Marktposition bäuerlicher Lebensmittel gegründet. Seit 2019 ist sie Teil der Lebensraum Tirol Holding. Die AMT ist Bindeglied zwischen Produzenten, Verarbeitung, Handel, Tourismus und Konsumenten und u.a. Lizenzgeber für das Gütesiegel „Qualität Tirol“, womit aktuell über 330 Produkte erhältlich im Einzel- und im Gastrogroßhandel ausgezeichnet sind.

Zahlen und Fakten:

  • Jährliches Budget: 2,3 Mio. Euro
  • 85 Partnerbetriebe/Lizenznehmer

  • toptirolIndustrieInterviewPoschlMarmelad

  • toptirolIndustrieInterviewPoschlCamembert

Vom Bauern, bitte!
Matthias Pöschl, Geschäftsführer der Agrarmarketing Tirol (AMT)

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