Nach dem Sturm

26. Juni 2020
Simon Leitner
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Der Lockdown ist vorbei, die Reisebeschränkungen sind größtenteils aufgehoben, und Betriebe dürfen wieder Gäste empfangen. Das Schlimmste scheint überstanden, dennoch sind die Auswirkungen der Coronakrise im Tiroler Tourismus noch deutlich zu spüren – und das wird womöglich eine Zeitlang so bleiben. Drei Experten erklären, was das für Hoteliers und Touristiker bedeutet.

Das Zögern der Betriebe
Klaus Ennemoser, Ennemoser Tourismusconsulting

Die Coronakrise ist wie ein Tsunami über den heimischen Tourismus hinweggerauscht“, erklärt Klaus Ennemoser, Geschäftsführer von Ennemoser Tourismusconsulting. Er geht davon aus, dass Tiroler Tourismusbetriebe im Sommer mit rund 15 Millionen Nächtigungen weniger sowie mit Umsatzeinbußen von insgesamt über zwei Milliarden Euro rechnen werden müssen.

Das habe mehrere Gründe: „Zum einen fehlen natürlich komplett die Gäste aus dem außereuropäischen Markt, zum anderen hat die Krise aber auch wirtschaftliche Konsequenzen in Tirols Hauptquellmärkten. Das heißt, potentielle Gäste aus Deutschland oder den Niederlanden haben weniger frei verfügbares Einkommen, das sie für Urlaube ausgeben können.“ Zudem habe sich durch die Krise auch das Konsumverhalten geändert, glaubt der Experte: „Wir haben in Tirol ein überwiegend älteres Klientel, das teilweise zur Risikogruppe gehört. Und bei diesem dürfte die Reiselust in den nächsten Monaten nicht allzu hoch sein, fürchte ich.“

Deshalb waren (und sind) viele Unternehmer zögerlich, was das Öffnen ihrer Betriebe für den Sommer angeht. „Der Fixkostenanteil in der Hotellerie ist hoch, folglich muss man genau abwägen, ob und wie man nun aufsperrt“, so Ennemoser. Familienbetriebe, die „klassische Tiroler Gastfreundschaft“ und auch persönliche Beziehungen zu ihren Gästen pflegten, hätten einen Vorteil, andere müssten sich aber unter Umständen ein neues Betriebskonzept überlegen, um wirtschaften zu können. Ennemoser erwähnt in diesem Zusammenhang die Reduzierung von Betten oder das Streichen von All-Inclusive-, Voll- oder Halbpension-Angeboten. Allerdings gäbe es auch einen Lichtstreifen am Horizont: „Aktuelle Umfragen bei unseren Kunden zeigen, dass die Nachfrage nach Urlauben in den Kategorien Fünf-Sterne und Fünf-Sterne-Superior wieder auf dem hohen Niveau vom Sommer 2019 sind.“

Die Krise als Chance
Helmut List, Kohl & Partner Tourismusberatung

Nach der Schockstarre zu Beginn des Lockdowns mache sich nun, mit dem Wegfall der Reisebeschränkungen und der Gewissheit im Hinblick auf Betriebseröffnungen und Auflagen, „langsam wieder vorsichtiger Optimismus“ breit, meint Helmut List von der Kohl & Partner Tourismusberatung.

Man werde zwar in manchen Märkten und bei bestimmten Gästeschichten deutliche Verluste im Sommer verzeichnen – neben dem Übersee- ist etwa vor allem der Kongress- und Tagungstourismus komplett eingebrochen –, dennoch nimmt List an, dass nicht wenige Unternehmen keine so großen Verluste hinnehmen müssen, wie man noch vor wenigen Wochen erwarten durfte: „Durch Corona wurden Schwachstellen und Fehlentwicklungen in den Betrieben schonungslos aufgedeckt. Aber jene, die bereits vor der Krise ihre Hausaufgaben gemacht haben, dürften größtenteils mit einem blauen Auge davonkommen.“

Vor allem solche Unterkünfte, die schon vor dem Ausbruch von Covid-19 ein gutes Produkt angeboten, einen großen Anteil an Stammgästen aufgewiesen und sich bei diesen ein hohes Vertrauen erarbeitet hätten, seien nun im Vorteil, sagt List. Für alle anderen Betriebe empfehle es sich, sofern sie in den Sommermonaten überhaupt öffnen, keine Schnellschüsse zu produzieren. „Kurzfristige massive Preissenkungen, in der Hoffnung, Gäste anzulocken, wären fatal“, so der Tourismusberater, der auch Chancen in der Krise sieht. Diese könne man jedoch nur nutzen, wenn man langfristig denke und sich, falls nötig, konzeptionell weiterentwickle. „Regionalität, Authentizitiät und Sicherheit werden auch nach Corona eine wichtige Rolle im Tourismus spielen“, erläutert List. „Und darauf sollte man sich einstellen.“

Unklare Aussichten
Jakob Edinger, Edinger Tourismusberatung

Als „deutlich massiver, als sich jeder vorstellen konnte“, beschreibt Jakob Edinger, Gründer der Edinger Tourismusberatung, die Folgen von Covid-19 für den Tourismus: „Es war für alle ein Schock – und es hat Dimensionen angenommen, die man einfach nicht erahnen konnte.“ Trotz der jüngsten positiven Entwicklungen durch die Grenzöffnungen seien Betriebe noch immer nicht über den Berg, meint der Experte: „Einerseits müssen sie nun erst mal den Ausfall von fast drei Monaten verdauen, und andererseits sind viele unsicher, wann oder ob sie überhaupt aufsperren, weil sie in der Wiedereröffnungszeit natürlich mit Anlaufverlusten rechnen müssen.“

Die nach Ansicht Edingers „extrem und unnotwendig kurze“ Vorbereitungszeit für Betriebe habe die Sache nicht eben vereinfacht – man hätte vonseiten offizieller Stellen schon deutlich früher kommunizieren können, welche Sicherheitsauflagen voraussichtlich in den Unterkünften zum Tragen kämen: „Der Shutdown war aus gesundheitlichen Gründen absolut notwendig, aber das Handling der Wiedereröffnung, das hat geholpert – und Schaden bei den Betrieben angerichtet.“

Als derzeit größte Herausforderung sieht Edinger die Unsicherheit in Bezug auf die Nachfrage: „Wir wissen nicht, wie Gäste in nächster Zeit agieren werden, wie mutig, optimistisch, vertrauensvoll und konsumbereit sie sind.“ Der Experte glaubt aber, dass Betriebe, die auf Naturverbundenheit, Ruhe und Rückzug setzen, gegenüber massentouristischen Phänomenen einen Vorteil haben – aller Wahrscheinlichkeit nach sogar über den kommenden Sommer hinaus: „Ich kann mir durchaus vorstellen, dass dies eine langfristige Wirkung ist und auch zunehmen könnte, wenn man Corona schon wieder vergessen hat.“

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    Klaus Ennemoser, Ennemoser Tourismusconsulting

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    Helmut List, Kohl & Partner Tourismusberatung

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    Jakob Edinger, Edinger Tourismusberatung

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