Krisenerprobt

21. Oktober 2020
Wolfgang Mayr

Die Covid-19-Pandemie ist bereits die zweite Wirtschaftskrise, die Hermann Lindner als Obmann der Sparte Industrie in der Wirtschaftskammer Tirol miterlebt. Im Interview spricht er über die Zukunft des Standorts Tirol und mit welchen Herausforderungen die Tiroler Industrie zu kämpfen hat.

Sie haben Ihre Position als Spartenobmann 2008 am Gipfel der Finanzkrise angetreten – und sind jetzt auch während der Covid-Pandemie am Ruder. Wo sehen Sie die größere Herausforderung?

Das ist ganz eindeutig die Covid-19-Gesundheitskrise. Hier haben wir es mit weitaus mehr zu tun als „nur“ fehlender Finanzkraft. Unterbrochene Lieferketten und essenziell wichtige Fachkräfte, die in Quarantäne gehen müssen, verkomplizieren die Situation enorm. Dazu kommen die eingeschränkte Reisetätigkeit und die Absage von Veranstaltungen, die die Industrie gerade im Absatzbereich massiv treffen.

Wie beurteilen Sie generell das Industrieland Tirol im Sommer 2020?

Die Krise hat die verschiedensten Bereiche unterschiedlich hart getroffen. So war die Auto-Zuliefer- oder Glasindustrie besonders betroffen, Bau-, Holz, Nahrungsmittel- oder Pharmaindustrie eher weniger. Und es hat der Tiroler Industrie sehr geholfen, dass sehr viele Unternehmen im Nischenbereich innovative Produkte für den Weltmarkt produzieren.

Digitalisierung und Globalisierung verändern die Industrie rapide. Produktion kann heute mit Leichtigkeit ausgelagert werden und Innovatoren sind lange nicht mehr an Standorte gebunden. Ist das eine Herausforderung für Tirol oder eine Chance?

Die Tiroler Industrie setzt sich hauptsächlich aus Nischenanbieter und Spezialisten in ihrem Bereich – mitunter Weltmarkt-Führern – zusammen. Hier glaube ich, dass wir eine Chance vor uns sehen, weil wir nicht durch Massenfabrikation, sondern durch Forschung, Entwicklung und Konstruktion glänzen. Durch die Digitalisierung sind wir nicht darauf angewiesen, vor Ort zu sein, sondern können Know-how auch von Tirol aus einbringen. Allerdings sind wir auch von Reisefreiheit, Grenzöffnungen und Lieferketten abhängig. Und mit einem Export-Anteil von 75% sind das die Faktoren, mit denen unser Erfolg steht und fällt.

Hat die Industrie im Bereich der Innovation und Digitalisierung Defizite? Und woran fehlt es, um diese auszugleichen?

Ich glaube, dass wir in den vergangenen Jahren große Erfolge verbuchen konnten. Der Breitbandausbau schreitet gut voran und wir bieten im digitalen Bereich mittlerweile eine durchgängige Ausbildung von der Fachausbildung bis zum Universitätsabschluss. Mit dem Fraunhofer Institut haben wir außerdem neben den Hochschulen einen Unterstützer, der den Konnex zwischen Forschung und Praxis zusätzlich vorantreibt.

Gleich wie die Digitalisierung sind auch Fachkräfte ein immer wiederkehrendes Thema. Wird Covid den bereits herrschenden Mangel noch verschärfen?

Fachkräfte waren schon immer ein wichtiges Thema und werden das auch bleiben. Dass die Krise das deutlich verschärfen wird, denke ich nicht. Allerdings wirkt die Pandemie als Digitalisierungs-Beschleuniger. Damit wird auch der Bedarf an Profis in dem Bereich noch mehr steigen.

Wie kann die Tiroler Industrie dem Fehlen qualifizierter Arbeitskräfte begegnen?

Langfristig müssen Aus- und Weiterbildung sowie attraktive Karriereangebote der Schwerpunkt sein. Qualifizierten Nachwuchs auszubilden dauert aber, besonders, wenn die Nachfrage groß ist. Kurz- bis mittelfristig sind wir deswegen auf ausländische Fachkräfte angewiesen. Dafür haben wir bereits ein gutes Fundament gelegt – nicht zuletzt mit den internationalen Schulen in Kufstein und Innsbruck und dem Welcome Center der Standort Agentur, das helfen wird, internationale Fachkräfte an die richtigen Stellen zu bringen.

Die SPÖ fordert massiv die Viertagewoche. Für Sie undenkbar?

In vielen Bereichen gibt es bereits viele Erleichterungen mit flexibler Arbeitszeit. Eine Verkürzung der Arbeitszeit ist aber nicht immer nur positiv. Die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes ist damit gefährdet. Aber ich bin überzeugt, dass sich hier in Zukunft etwas ändern wird.

Die aktuelle Krise wird sich voraussichtlich noch zumindest ins kommende Jahr ziehen. Wird die Tiroler Industrie dieser Herausforderung gewachsen sein?

Ein zweiter Lockdown wäre für die Tiroler Industrie – wie für alle – wohl nur schwer zu verkraften. Wir hoffen natürlich, dass das nicht eintritt. Die Einschränkungen, die wir momentan erleben, werden wir meistern, auch wenn sie bereits jetzt massiv sind. Aber wir haben Erfahrung im Bewältigen von Krisen und ich bin mir sicher, dass wir auch das schaffen können.

Sie produzieren mit 230 Mitarbeiter In Kundl etwa 1.200 Traktoren im Jahr. Wie ist Ihr Unternehmen durch die Krise gekommen?

Bisher sehr gut, wir mussten nicht in Kurzarbeit und haben nur zwei Wochen Sonderurlaub eingeschoben, auch weil manche Zulieferbetriebe nicht liefern konnten. Die Auftragslage ist besser als 2019. Wir profitieren wahrscheinlich vom Trend zur Regionalität, die heimische Landwirtschaft greift auf Tiroler Produkte zurück.

Krisenerprobt
Hermann Lindner, Obmann Sparte Industrie Wirtschaftskammer Tirol

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